Montag, 3. Mai 2010

Des Rotkehlchens Stimme

Sonnenschein dringt durch das Fenster in mein Zimmer, durchflutet es mit Licht. Es bricht sich an allem nur Erdenkbaren, macht Schatten deutlich und lässt vieles Erstrahlen. So auch meine Stimmung. Wie lange ist es her, seit die Sonne durch dieses kleine, alte, glaslose Fenster schien? Mir kam es vor wie Ewigkeiten. Und nicht nur deshalb nahm ich mir ein wenig Zeit, um nach draußen zu schauen.
Mein Vorgarten zeigte sich in ungewohnter Nässe, der Boden war vollkommen durchweicht und die sonst so kraftvollen Veilchen ließen ihre Köpfe hängen. Hatten sie etwa schon aufgegeben, dachte ich schmunzelnd.
Doch ich ließ meinen Blick weiterschweifen, sah den alten, fast schon morschen Zaun. Ich hatte ihn nie angestrichen, doch die Zeit ließ ihn langsam grau werden. Jetzt jedoch hatte er sich mit Wasser voll gesogen, was seine Farbe beträchtlich verdunkelte. Die Pfosten waren spitz zugeschnitten und in halbwegs gleichmäßigem Abstand aufgestellt. Die Balken, die zwischen den Pfosten hingen, sollten eigentlich einmal waagerecht angebracht worden sein, jedoch hat auch hier das Augenmaß versagt. Mein Augenmaß, denn für Handwerker hatte ich bei weitem kein Geld.
Dennoch liebte ich diesen Zaun. Er stand schon so lange da, dass er einfach mit zu diesem Haus, meiner Heimat, meiner Welt gehörte. Ich wollte keinen anderen, selbst, wenn ich mir einen hätte leisten können.
Auf der Straße, die direkt vor meinem Haus verlief, konnte ich einige Menschen erkennen, sie schlenderten hier entlang, lachten, waren fröhlich. Die Sonne schien, endlich wieder!
Ich seufzte, riss meinen Blick gewaltsam von der Szenerie los, ohne auch nur auf die Schönheit genauer eingegangen zu sein, denn ich musste weitermachen mit dem, was ich angefangen habe. Es war ja auch eigentlich wichtig, das änderte aber nichts daran, dass ich es nicht tun wollte. Warum auch, es war doch bisher auch alles viel zu schön für mich.
Trotz allem hatte ich eine Frist einzuhalten, nachdem ich die erste schon nicht eingehalten hatte. Die erste Frist war die Miete gewesen. Es gab einen neuen Grundherrn in dieser Gegend, und dieser hatte die Preise noch einmal gewaltig in die Höhe gerissen. Ich konnte das selbstverständlich nicht bezahlen, aber was sollte man machen, als alter armer Musiker und Dichter? Es gab zwar nicht allzu viele, aber die Adligen hatten andere gefunden als mich, meine Zeit war längst schon gegangen. Und Almosen gab niemand.
Einige Zeit lang saß ich in brütendem Schweigen einfach da, dachte über das nach, was ich wohl am besten schreiben könnte. Erst als ich merkte, wie sich ein Rotkehlchen auf den Fenstersims setzte und einen fröhlichen Laut von sich gab, unterbrach ich meine Grübeleien. Ein Lächeln umspielte meine Lippen, der Vogel verabschiedete sich noch einmal schnell, flog dann davon. In Gedanken dankte ich ihm, denn er zeigte mir den Weg.
Einen letzten Blick warf ich aus dem Fenster, sah die Sonne hinter einer Wolke verschwinden. Orangerote Strahlen erhellten mein Zimmer, tauchten das Land in wilde Schönheit, überzogen es scheinbar mit wärmendem, freundlichem Feuer. Nebelschwaden stiegen noch immer vom Boden auf, verschleierten die Ferne, ließen nur Vermutungen und Andeutungen zu.
Noch immer lächelnd nahm ich also meine Feder, tunkte sie noch einmal in die Tinte, obwohl noch reichlich daran vorhanden war. Das alte Stück Papier – welches unerhört teuer geworden war – zerknüllte ich und warf es achtlos auf den Boden. Dann erst fing ich an, auf einem neuen Blatt Papier zu schreiben.

Sehr geehrter Graf Wellington,
ich muss ihnen leider mitteilen, dass ich meine Schulden nicht bezahlen werde.

Hochachtungsvoll,
Marian Ridwell


Dann legte ich meine Feder nieder, faltete das Papier und drückte zur Krönung noch ein Wachssiegel darauf. Dass ich damit höchstwahrscheinlich mein Todesurteil unterschrieben habe, interessierte mich in diesem Moment nicht. Er hatte etwas endgültiges, ich hatte meine Entscheidung getroffen, und ich würde meinen Weg gehen.
Nachdem ich schon einige Schulden hatte, würde man mich anklagen, der Grundherr mich zur Hinrichtung ausrufen lassen, ohne Skrupel, ohne schlechtes Gewissen. Oder aber ich wäre vogelfrei, das würde sich dann noch zeigen.
Schwungvoll nahm ich meinen Mantel vom Haken, zog ihn rasch an. Einen Wanderstock hatte ich auch noch aus früheren Tagen, eigentlich diente er mir nur als Erinnerungsstück. Ich hätte nie gedacht, dass ich ihn noch einmal brauchen würde.
So also verließ ich mein Heim, ging die Straße hinab, grüßte noch einmal freundlich jeden, bevor ich die Ortschaft verließ. Nur eine Straße führte durch die gesamte Ortschaft, eine Handelsroute, und nun befand auch ich mich auf ihr.
Ich sah mich nicht noch einmal um, genoss die Freiheit, ging in das Ungewisse. Man würde nichts von mir finden außer dem Brief und dem Stück Papier, das ich vorher beschrieben hatte. Es war mir gleichgültig, niemand sollte mich in Erinnerung behalten, das war mein Neuanfang.
Raschen Schrittes trat ich in den Nebel, schon bald war ich verschwunden, ein Schemen im Dunst. Nur ein Vogel wagte sich zu mir und begrüßte mich fröhlich in meinem neuen Leben.
Es war ein Rotkehlchen.