Samstag, 17. April 2010

Symphonie eines Wunders

Blätterrauschen übertönt alle anderen Geräusche, das Dach über mir wogt zu einer Melodie, die ich nicht hören kann. Doch alle Blätter wippen mit, jedes für sich tanzt im Taktwind der Natur, setzt eigene Akzente und lässt gleich darauf anderen den Vortritt. Es ist ein perfekt einstudiertes Schauspiel, nur für diesen Moment. Und vielleicht wird es wieder eines geben, für den nächsten Augenblick, der einem einfachen Menschen vergönnt ist.
Ein einzelnes Blatt fällt, hält dem Druck nicht stand oder gibt auf – oder beginnt seine eigene Darstellung, ganz allein in einem fremden Element, in fremder Umgebung, fremder Gesellschaft.
Grasspitzen fangen es auf, doch der Wind trägt es weiter fort, wirbelt es herum in einem wilden Tanz, den wohl nie etwas nachahmen könnte.
Dann verebbt der Wind.
Ich sehe ein einsames Blatt landen, irgendwo in der Ferne, in der Hoffnung, sein Ziel erreicht zu haben.
Stille senkt sich über die kleine Lichtung. Kein Vogel singt, Bäume steigen nicht ein zu einem Kanon, die Welt scheint still zu stehen.
Und doch bewege ich mich, zielstrebig auf dich zu. So, wie du dort liegst, kann ich dich nicht sehen. Doch ich weiß genau, dass du mich siehst, hörst, fühlst.
Ich falle vor deinen Füßen auf die Knie, öffne meine Hand und zeige ein kleines Stück Papier. Es ist vergilbt, alt und beschrieben. Liebe steht darauf, geschrieben in feiner Schrift, mit schwarzer Tinte und wenig verziert. Es ist schlicht, und doch ist es alles für mich. Denn es ist alles, was ich noch habe in mir.
Eine Hand versucht vergebens, die Erde zu verwischen, die dein Gesicht bedeckt, dein Antlitz verschleiert, bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Sie versucht, die Erinnerungen zu erhalten, doch anstatt mir und meiner Seele Klarheit zu verschaffen, verwischt sie nur noch mehr.
Eine flache Mulde ist entstanden.
Wieder frischt der Wind auf, erfindet einen neuen Takt, beginnt das Lied mit einem Tenor, der auf viele Sopranstimmen wartet.
Es gibt nur eine einzige, die ihm antwortet. Ich schluchze.
Die Mulde mustere ich, als wäre sie ein Unwesen, ein Alptraum, eine unendlich tiefe schwarze Schlucht. Die Hand, in der ich noch immer das Stück Papier umklammert halte, nähert sich ihr. Bewusst.
Ein verirrter, zielgerichteter Sonnenstrahl findet seinen Weg durch die Blätterdecke über mir, ich erkenne die Umrisse, sie heben sich deutlich von der Umgebung ab. Sie umrahmen mich, dich und dein Heim.
Schnell trocknen Tränen auf meinen Wangen, hören auf zu bestimmen, unterstützen mich nun.
Die Hand öffnet sich, bettet ein kleines Stück Papier in die Mulde und bedeckt es mit der noch feuchten Erde. So, wie sie dich einst in dein Heim legte.
Wieder schluchze ich, doch diesmal warte ich auf den Wind und das Blätterwaldrauschen. Vergebens.
Noch einmal sammle ich Kraft, hole tief Luft – und spucke auf die Stelle, an der vor einigen Augenblicken noch eine Mulde zu sehen war.
„Vielleicht wächst ja was“, flüstere ich in die Stille, meine Stimme bricht, und ich drehe all dem den Rücken. Und mit Rückenwind verlasse ich den Hain, unter tosendem Applaus von Blattwerk.


Zwanzig Jahre später kehre ich wieder. Zwanzig Jahre später besuche ich dich erneut, und ich weiß, dass du die vollen zwanzig Jahre auf mich gewartet hast. Hier, unter deinen Wurzelgiganten.
Und in diesen zwanzig langen Jahren hast du etwas erschaffen, was mich nun weinend und lachend zugleich zusammenbrechen lässt. Meine Hände bedecken mein Gesicht, fangen die Tränen auf, die dennoch ihren Weg durch meine Finger finden und zu Boden fallen.
Erneut richte ich den Blick auf das, was ich sehe, auf dich und dein Heim. Tränenperlen rinnen nun ungehindert meine Wangen hinab, treffen auf die grasbewachsene Erde und werden fast gierig von den Pflanzen aufgenommen - ich gehe Schritt für Schritt zu di, unbeirrbar.
Wortlos umarme ich das, was sich nun vor mir befindet – eine weit ausladende Buche mit glattem, fast weichem Stamm und sommergrünen Blättern. Erleuchtet von einem einzigen Sonnenstrahl, hebt sie sich von ihrer Umgebung ab, zieht meine Blicke auf sich, lässt eine alte Sehnsucht erwachen, der ich nur nachgeben kann.
Deine blattrauschende Stimme erhebt sich, heißt mich endlich wieder willkommen und lässt mich dich noch einmal bestaunen, du Wunder.
Und da, auf dem Stamm, erkenne ich nun trotz aller Tränen, was ich nie für möglich gehalten habe, damals, vor zwanzig Jahren.
Dieser Baumstamm ist besonders. Liebe steht darauf.

Donnerstag, 1. April 2010

Ich am Rednerpult - Folge 2

Hallo werte Leserinnen und Leser,
die ihr wahrscheinlich in minderer Zahl dieses Gebrabbel verfolgen werdet, doch es sei euch gesagt:
Dies ist kein Scherz!

So, und um jetzt der Frage vorzugreifen, die ihr euch sicherlich stellen werdet, kommt hier auch die Antwort:
Ich höre auf zu dichten, zu denken und meinen Gedanken freien Lauf zu lassen, generell ziehe ich mich von allem zurück, was entfernt mit Lyrik, Epik oder Dramatik zu tun hat.




.... (Bitte versteht, die dramatische Pause kann man anders einfach nicht einbringen)




So.
April, April.
Ich denke, das schaff ich gar nicht, das durchzuhalten. Also lass ich das gleich bleiben.

Damit hätte ich das auch erledigt, und kann mich nun wichtigeren Dingen widmen, die ich heute eigentlich geplant hatte. Nämlich dem wirren Kaudawelsch aus Schlagzeilen, die um alle Welt kursieren.
Tja. Klingt verwirrend, ist es auch, aber es wird vor allem eines: Sarkastisch.

Dabei fange ich diesen kreativen Ausbruch mit einer einfachen Aussage an: Die Welt ist schön. Gesagt hat das irgendein Forscher, Wissenschaftler, Politiker, Visionär, Aktionär, Unternehmer oder Hartz IV-Empfänger, dessen Namen ich auch gleich wieder vergessen musste, weil er zu lang, zu kurz, zu auffällig und zu unauffällig zugleich war.
Ja, jedenfalls bauen wir doch einmal auf dieser Aussage auf.
Die Welt ist schön.
Die Welt ist sogar so schön, dass kleine Kinder in Klöstern und Schulen missbraucht werden, nur damit dann festgestellt werden kann, dass man das dreißig Jahre später kaum noch nachweisen kann. Das kann an Gedächtnisverlust der Täter liegen, oder auch an deren Ableben.
Aber Kirchen und Klöster sind ja schon wieder nicht mehr "in", heutzutage gibt es organisierte Sexpartys, zu denen siebenjährige Mädchen eingeladen werden, sogar als Ehrengast, wenn man das denn so ausdrücken kann. Da freut sich doch wirklich jedes Kind drüber, oder nicht?

Ja, die Welt ist schon schön, aber doch nicht nur für Kinder.
Ich meine, schaut euch doch nur einmal die Eltern an. Alle mit Kindern sind ja heutzutage gestraft, denn Geld bekommt man vom Staat nur, wenn man entweder berühmt ist, oder wenn man weiß, wie man sich Geld hinterziehen kann. Die erste Variante ist unwahrscheinlich, die zweite verboten. Das sind schon einmal rosige Aussichten.
Denn was macht die Politik, die ja versprochen hat, den Staat zu entlasten? Nichts. Und wisst ihr auch, was der Grund dafür ist: Es ist zu teuer.
Hurra! Das fällt denen echt früh auf, dass man mit Schulden nichts mehr bezahlen kann. Da hat das Studium doch echt was gebracht, oder? Natürlich wusste man das nicht schon vorher, Finanzkrisen kommen und gehen doch einfach, ohne irgendwelche Vorwarnungen. Welche Bank sagt denn nicht einfach irgendwann wörtlich: "Ich bin pleite", schmeißt ein Handtuch und kündigt alle Beschäftigte?

Aber!

Das größte Aber der Woche steht in Hamburg. Denn da ist ein Supermarkt eröffnet worden, der Hartz-IV-Empfänger trainiert. Da werden allerdings keine Arbeitslosen angestellt, sie werden eben nur trainiert. Trainiert heißt hier soviel wie "Wir nehmen ein paar leere Gegenstände, etikettieren diese und geben sie dann Hartz-IV-Empfängern, die an der Kasse stehen, um zu lernen".
Eigentlich eine super Idee, die wohl die Ausbildung zum Kassierer oder zur Kassiererin ersparen soll. Schade nur, dass sich Betriebe nicht darum scheren.
Egal. Hauptsache man versucht was, und das mein ich diesmal sogar ernst. Immerhin bemüht man sich ja doch irgendwo.

Nun ja, um von unserem geistigen Höhepunkt der Tiefe jetzt erst einmal wieder runterzukommen, will ich noch einmal an den Leitfaden dieses Textes erinnern. Die Welt ist schön. Lasst sie uns umarmen - zumindest Griechenland.
Denn - mal ganz ehrlich - die sind ja mal wirklich arm dran. Was haben die Griechen eigentlich verbrochen, dass ihr Staat jetzt eigentlich so pleite ist, dass er sich nicht einmal mehr Staat nennen darf, sondern nur noch "Schuldenschein".
Um es kurz zu fassen: nichts. Nur eben die Wirtschafter im Unternehmen "Griechenland AG" schienen so unfähig, dass die Politik jetzt ein Finanz- und Wirtschaftspaket ausarbeiten musste, um den totalen Zerfall des Landes zu unterbinden. Super, wenn das so gut klappt, wie bei uns, dann geb’ ich Griechenland noch volle zwei Wochen. Danach wird es an die Meistbietenden aufgeteilt.
Eine Forderung der Politik war, dass man auf Quittungen bestehen soll. Ein Grieche erwiderte im Interview nur trocken: "Toll, aber wenn der Arzt jetzt sagt, dass es mit Quittung 300€ und ohne nur 200€ kostet, was glauben Sie wohl, was man da nimmt?" Und tatsächlich, er könnte recht haben.

Griechische Probleme sind derzeit noch nicht meine Probleme, und die Politik setzt sich ja schon zusammen, in so lustigen Kongressen, bei denen dann bei einem schönen Glas Wasser - ohne Kohlensäure, das wäre umweltschädlich! - über die derzeitige Situation von was auch immer debattiert wird.
(Alle gläubigen Mitbürger dürfen hier ein symbolisches "Amen" einfügen, was ich jedoch nicht machen werde, aufgrund meiner eher nichtreligiösen Einstellung.)

Tja, so schön ist die Welt, so unglaublich schön, dass Wale sterben, zusammen mit Eisbären, die Polkappen schmelzen, die Erde erwärmt sich soweit, dass hier Ende März noch Schnee liegt, aber letzten Endes werden wir ja die Welt retten.
Oder eben auch nicht, aber davon bekommen wir dann auch nichgts mehr mit. Also kann es uns ja egal sein.

In diesem Sinne,
meinen Dank fürs Lesen!

Euer Levin